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Börsen stellen sich den Herausforderungen der Blockchain-Technologie
Börsen stellen sich den Herausforderungen der Blockchain-Technologie
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Börsen stellen sich den Herausforderungen der Blockchain-Technologie

22/07/2019

Die Börsen machen bei der Implementierung der Blockchain im Trading- und Post-Trading-Bereich schnell Fortschritte und integrieren die Technologie zunehmend in ihre Kernsysteme und -prozesse. In diesem Artikel befassen wir uns mit den diesbezüglichen Aktivitäten von vier verschiedenen Börsenplätzen und werfen einen Blick auf die Chancen und Herausforderungen, die sich aus der Distributed-Ledger-Technologie (DLT) für die Marktteilnehmer ergeben.

Der Kauf und Verkauf von Wertpapieren ist an den Börsenplätzen dieser Welt zum Teil sehr unterschiedlich geregelt und aufgrund der vielen zwischengeschalteten Akteure auch nicht besonders effizient. Zu diesen Akteuren gehören Börsen, Zentralverwahrer, Clearingstellen mit zentraler Gegenpartei, Global Custodians, Broker-Dealer und Agent-Banken. Bei so vielen Marktteilnehmern ist die Effizienz des globalen Datenaustauschs schnell beeinträchtigt; nicht zuletzt, weil viele Akteure im Post-Trade-Bereich ihre eigenen, individualisierten Schnittstellen haben und selbstentwickelte Messaging-Programme nutzen. In der Einführung der Blockchain-Technologie sehen viele Experten eine Möglichkeit, den Wertpapierhandel zu beschleunigen und zu verbessern und damit insgesamt effizienter und kostengünstiger zu gestalten.

Die Börsen beschäftigen sich mit der Blockchain-Technologie bereits sehr intensiv und haben diverse Projekte zu ihrer Einführung im Trading- und Post-Trading-Bereich aufgesetzt. Bei einigen Anbietern ist die DLT sogar bereits in ihren Kernsystemen und -prozessen integriert. Doch wo kommt die DLT bereits konkret zum Einsatz und welche Projekte werden von den Börsen derzeit verfolgt?

Die ASX setzt auf die Blockchain

Die Australian Securities Exchange (ASX) lässt sich als Vorreiter im Einsatz der Blockchain-Technologie bezeichnen. Bereits 2016 kündigte sie an, ihr 25 Jahre altes CHESS (Clearing House Electronic Sub-Register System) auf DLT umzustellen.[1] Dazu entwickelte sie im Rahmen einer Partnerschaft mit Digital Asset Holdings, einem führenden Anbieter von DLT-Lösungen, einen funktionsfähigen Prototyp einer Post-Trade-Plattform für den Clearing- und Abwicklungsprozess im Kassa-Aktienhandel. An dieser Initiative wirkte auch die BNP Paribas Securities Services in den vergangenen Jahren mit.

CHESS hat dazu beigetragen, physische Aktienurkunden zu dematerialisieren und den Handelsabwicklungszyklus von T+5 auf T+2 zu verkürzen. Experten sind davon überzeugt, dass die ASX mit einer DLT-gestützten Plattform ihr Geschäft zukunftssicherer aufstellt, ihr Produktangebot erweitern und ihre Kunden besser und sicherer betreuen kann. Die ASX will die DLT-Plattform im März/April 2021 online stellen.[2]

Die Blockchain-Aktivitäten der HKEX

Während die ASX die DLT-Technologie mehr oder weniger unternehmensweit implementiert, nutzen andere Börsen sie nur für bestimmte Projekte. So setzt die Hongkong Exchange and Clearing (HKEX) in Zusammenarbeit mit Digital Asset und BNP Paribas die Blockchain zur Optimierung ihrer Post-Trade-Infrastruktur ein. Hierbei geht es insbesondere darum, die Abwicklung der Transaktionen im „Nordwärtshandel“ über Stock Connect zu beschleunigen. Beim „Nordwärtshandel“ können globale Investoren von Hongkong aus bis zu 568 in Shanghai gelistete Aktien handeln. Stock Connect ist ein Programm, das den Aktienhandel zwischen der HKEX, der Shanghai Stock Exchange und der Shenzhen Stock Exchange ermöglicht.

Obwohl chinesische A-Shares für Anleger dank Stock Connect nun besser zugänglich sind, gab es bei dem Programm von Anfang an verschiedene operative Herausforderungen, was einige Institute davon abhielt, sich daran zu beteiligen. Derzeit haben Anleger, die chinesische A-Shares über Stock Connect handeln, für die Abwicklung ihrer Transaktion nur vier Stunden Zeit. Dies zwingt die Institute dazu, ihre Handelsgeschäfte vorzufinanzieren, wodurch wiederum das Abwicklungsrisiko steigt.

Da keine tatsächliche Lieferung-gegen-Zahlung (DVP – Delivery Versus Payment) erfolgt, können einige regulierte Fondsprodukte wie OGAW und AIFM nicht über Stock Connect gehandelt werden. Daher haben eine Reihe führender Anbieter wie BNP Paribas integrierte Broker-Custodian-Modelle bzw. Spezialmandatsstrukturen entwickelt, die eine tatsächliche Lieferung-gegen-Zahlung für Kunden ermöglichen. Diese Angebote funktionieren grundsätzlich bereits sehr gut, werden derzeit von BNP Paribas und der HKEX aber noch mit Blick auf den Prozess für die Anleger weiter verbessert.

Die HKEX entwickelt derzeit eine Prototyp-Lösung, mit der die Marktteilnehmer ihre Abwicklungsabläufe vorab spezifizieren können, sodass sich verschiedene Zeitzonen überbrücken lassen. Zugleich ermöglicht diese Lösung eine Echtzeitsynchronisierung des Post-Trade-Status zwischen den Asset-Managern, Brokern, Verwahrstellen und der Hong Kong Securities Clearing Company.[3] Erwartet wird, dass mithilfe dieser DLT-Lösung mehr Kapital von ausländischen Investoren über das Stock-Connect-Zugangssystem in die Region fließen wird.

Auch Singapur tritt dem Blockchain-Club bei

Neben der ASX und der HKEX integriert auch die Singapore Exchange (SGX) die Blockchain-Technologie in ihre Infrastruktur. Im November 2018 gaben die SGX und die Monetary Authority of Singapore (MAS), die örtliche Aufsichtsbehörde, bekannt, dass sie erfolgreich DVP-Funktionen für die Abwicklung tokenisierter Vermögenswerte über verschiedene Blockchain-Plattformen entwickelt hätten.[4]

Der Prototyp verkürzt aber nicht nur den Handelsabwicklungszyklus und reduziert das Abwicklungsrisiko. Die zeitgleiche Umsetzung von Austausch und Abwicklung digitaler Vermögenswerte und Wertpapiere auf verschiedenen Plattformen verbessert auch erheblich die operative Effizienz im Transaktionsverlauf.[5] Die SGX und die MAS prüfen derzeit, ob es sinnvoll wäre, den Abwicklungsprozess Lieferung-gegen-Zahlung mit Smart Contracts oder selbst ausführbaren, algorithmischen Rechtsvereinbarungen zu automatisieren.[6]

Blockchain-Projekte der Deutschen Börse

Auch die Deutsche Börse investiert bereits intensiv in die Entwicklung von Dienstleistungen, die auf dem Prinzip der Blockchain-Technologie basieren. Gemeinsam mit der „Liquidity Alliance“, einer Gruppe von Zentralverwahrern, hat die Deutsche Börse beispielsweise eine Blockchain-Lösung erarbeitet, die den grenzüberschreitenden Sicherheitstransfer von Wertpapieren erleichtert. Diese Lösung ermöglicht außerdem eine direkte Interaktion zwischen den Teilnehmern.[7]

In Kooperation mit der Deutschen Bundesbank entwickelte die Deutsche Börse 2018 darüber hinaus zwei Prototypen zur Wertpapierabwicklung. Diese haben zum Ziel, die Abwicklung von Wertpapiertransaktionen, Zahlungen, Zinszahlungen und Rückzahlungen bei Fälligkeit einer Anleihe zu unterstützen. Die erfolgreichen Tests der Prototypen zeigten, dass beide Lösungen für den Produktivbetrieb einer Finanzmarktinfrastruktur geeignet sind und als Basis für weiterführende Entwicklungen dienen können. Da sowohl die Digital Asset Plattform als auch die Hyperledger-Fabric-Lösung seither weiterentwickelt wurden, dürfte die Leistungsfähigkeit der entwickelten Prototypen heute sogar noch höher sein.[8]

Im Frühjahr 2019 verkündete die Deutsche Börse, dass sie gemeinsam mit der Commerzbank eine rechtsverbindliche Wertpapierabwicklung über die DLT durchgeführt habe. Hierzu wurde eine prototypische Transaktion mittels Lieferung-gegen-Zahlung durchgeführt. Bei der Transaktion wurden zunächst digitale Tokens in Form von Buchgeld (Cash Token) sowie von Wertpapieren (Securities Token) generiert, um anschließend den zeitgleichen Austausch der Tokens auf Basis der DLT rechtsverbindlich abzuwickeln.[9]

Im März 2019 ist die Deutsche Börse eine strategische Partnerschaft mit Swisscom und Sygnum eingegangen. Diese Partnerschaft hat zum Ziel, eine vertrauenswürdige Finanzmarktinfrastruktur für Digital Assets aufzubauen, die den regulatorischen Anforderungen entspricht. Kernelemente dieses Ökosystems sind die Emission und Verwahrung von Digital Assets sowie der Zugang zu Liquidität und entsprechenden Bankdienstleistungen.[10]

Über die experimentelle Phase hinauswachsen

Derzeit werden bei Banken, Infrastrukturen und institutionellen Investoren zahlreiche Blockchain-Machbarkeitsstudien durchgeführt. Diese sind ein wichtiger Schritt; übersehen werden sollte jedoch nicht, dass es wesentlich darauf ankommt, miteinander kommunizierende Systeme zu entwickeln. Andernfalls entstehen Lösungen, die nur in beschränkten, isolierten Ökosystemen funktionieren und erneut Schnittstellenprobleme auslösen.

Um dies zu verhindern, sollten sich die Akteure möglichst bald auf allgemeingültige Standards einigen und ganzheitliche Regelungskonzepte für die Blockchain aufsetzen. Als Beispiel kann die SWIFT (Society for Worldwide Interbank Financial Telecommunication) dienen, die mit der Definition von Standards für den Nachrichtenverkehr im Finanzwesen die branchenweite Effizienz erhöhte und gleichzeitig das Risiko der Marktteilnehmer reduzierte. Umzusetzen wäre dies beispielsweise durch die Integration von DLT in ISO 20022 oder durch die Entwicklung eines völlig neuen Standards. Gelingt eine derartige Standardisierung nicht, könnte dies zu einer starken Fragmentierung der Blockchain führen, sodass für die Endnutzer letztendlich nur wenige – oder gar keine – Kostenvorteile entstehen.

[1] ASX – CHESS Replacement

[2] Coin Desk (September 4, 2018) ASX postpones roll-out of Blockchain settlement system

[3] Digital Asset (October 30, 2018) HKEX is teaming up with Digital Asset

[4] MAS (November 11, 2018) MAS and SGX successfully leverage blockchain technology for settlement of tokenised assets

[5] MAS (November 11, 2018) MAS and SGX successfully leverage blockchain technology for settlement of tokenised assets

[6] MAS (November 11, 2018) MAS and SGX successfully leverage blockchain technology for settlement of tokenised assets

[7] Blockchain-/Distributed Ledger-Technologie

[8] Deutsche Bundesbank und Deutsche Börse schließen Tests für Blockchain-Prototypen erfolgreich ab

[9] Commerzbank und Deutsche Börse führen rechtsverbindliche Wertpapierabwicklung über Distributed-Ledger-Technologie durch

[10] Deutsche Börse, Swisscom und Sygnum gehen strategische Partnerschaft zum Aufbau eines umfassenden Ökosystems für Digital Assets ein

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