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Der 2-Grad-Unterschied
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Der 2-Grad-Unterschied

12/09/2017

Stan Dupré

Stan Dupré

2° Investing Initiative

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Stan Dupré ist Gründer und Geschäftsführer der 2° Investing Initiative, einer gemeinnützigen Ideenschmiede, die den Finanzsektor an dem 2°C-Klimaziel ausrichten will. Im Interview spricht Stan Dupré über Technologie und darüber, wie er das ESG-Konzept (ökologische, soziale und Corporate-Governance-Aspekte) neu definieren würde

Können Sie uns etwas zum Konzept hinter der 2° Investing Initiative erzählen?

Nach der Finanzkrise 2008 fielen mir zwei Dinge auf:

  • Bei der anschließenden Diskussion zum Thema Aufsicht wurden die unbeabsichtigten Auswirkungen der Finanzpolitik auf die Realwirtschaft erkennbar.
  • Die Klima- und Energieforschung ließ eine Finanzierungslücke bei grünen Technologien erkennen sowie ein „Locked-in-Effekt“ bei Investitionen in fossile Brennstoffe.

Ich hatte als Berater für Großunternehmen und Kunden im Finanzsektor gearbeitet, war jedoch frustriert über die Unmöglichkeit, das Silo-Denken zu überwinden. Das brachte mich dazu, die 2° Investing Initiative zu gründen. Unser Ziel besteht darin, Klimaziele, Anlageentscheidungen und die Finanzmarktregulierung miteinander zu verknüpfen. Wir stoßen öffentlich-private Kooperationsprojekte an und koordinieren die Arbeit von Regierungen, Zentralbanken, Finanzinstituten und Forschungsorganisationen, um die zur Umsetzung des 2°C-Klimaziels erforderlichen Messgrößen, Daten, Werkzeuge, Standards und politischen Maßnahmen realisieren zur können.

Wie treibt Technologie den Wandel voran?

Für die Finanzbranche stellt die Energiewende in erster Linie eine Wette darauf dar, wie schnell der Umstieg auf erneuerbare Energien sowie z. B. auf Elektrofahrzeuge erfolgen wird und welche Technologien sich durchsetzen werden, um die Problematik der großen Verschmutzer wie die Bereiche Luftfahrt und Zementproduktion zu lösen.

Dabei sind mehrere Szenarien zu berücksichtigen: Wie wird der Treibstoffmix im Energiesektor aussehen und wie die Kostenkurve bei Öl, welchen Anteil werden Elektrofahrzeuge gegenüber Verbrennungsmotoren haben usw.? Anhand von Branchen-Klassifikationen (wie z. B. die Industrial Classification Benchmark und der Global Industry Classification Standard) und der herkömmlichen Finanzanalyse lässt sich allerdings nicht erkennen, worauf die Anleger setzen. Vor diesem Hintergrund kann eine 2°C-Szenarioanalyse für Investmentportfolios hilfreich sein. Anleger können die Assets und Investitionspläne von im Portfolio gehaltenen Unternehmen aus dem Energiesektor bzw. aus energienahen Bereichen (Öl und Gas, Strom, Automobil, Luftfahrt, schwere Materialien...) heranziehen und diese mit der technologie-spezifischen Roadmap der Internationalen Energieagentur zur Erreichung des 2-Grad-Ziels abgleichen und somit erkennen, ob sie implizit auf eine 2°-, 4°- oder 5°C-Zukunft setzen und die entsprechenden Maßnahmen ableiten (Portfolio neu ausrichten, mit Beteiligungsunternehmen in Kontakt treten, usw.).

Diese Analysetiefe wird durch Business-Intelligence-Datenbanken ermöglicht, die geolokalisierte, zukunftsgerichtete Daten auf Ebene des Vermögenswerts enthalten (z. B. Investitionsvolumen bei einem Kraftwerk, Produktionspläne von Automobilherstellern nach Modell, Auftragsbücher von Flugzeugherstellern usw.). In Zukunft wird die Verfügbarkeit von Daten auf Asset-Ebene dank Big Data, Open Data (z. B. öffentliche Register zur Genehmigung von Kraftwerken) und der Datenerhebung durch Satelliten exponentiell zunehmen. Daten aus Unternehmensveröffentlichungen, die derzeit die Hauptinformationsquelle für eine ESG-Analyse darstellen, werden dadurch tendenziell weniger wichtig bzw. ganz ersetzt werden.

COP21 galt als „Game-Changer“ – was ist der nächste Meilenstein bei der Bekämpfung des Klimawandels?

Das Pariser Klimaabkommen definiert ein gemeinsames Ziel, nämlich die Begrenzung der globalen Erwärmung auf unter 2°C, und dient als internationales Rahmenwerk für die schrittweise Steigerung der Zielsetzungen bei den nationalen Beiträgen. Interessanterweise werden durch das Abkommen inzwischen auch Beiträge von nicht staatlichen Akteuren wie Unternehmen, Anlegern und Städten erwartet. Vor dem Hintergrund des Ausstiegs der USA aus dem Abkommen wird diese Dimension noch wichtiger.

Der nächste Schritt ist die Schaffung von Rahmenbedingungen zur Bestimmung, Förderung, Konsolidierung und Nachverfolgung dieser Beiträge. Die 2° Investing Initiative hat vor kurzem eine Partnerschaftsvereinbarung mit dem für die Klimaverhandlungen und die Überwachung zuständigen UN-Gremium (United Nations Framework Convention on Climate Change Secretariat) unterzeichnet, mit dem Ziel, sowohl diese Rahmenbedingungen als auch eine globale webbasierte Plattform zu entwickeln, mit der sich die Ausrichtung von Vermögenswerten und Investitionen am 2°C-Ziel nachvollziehen lässt. 

Welche Anlageklassen oder Teilbereiche des Finanzdienstleistungssektors sind zur Unterstützung der Energiewende am besten aufgestellt?

Das ist wirklich eine interessante Frage! Aktuell liegt der Schwerpunkt darauf, dass die Finanzbranche Beträge in Billionenhöhe von „schmutzigen“ in grüne Finanzanlagen umschichten soll, damit in der Realwirtschaft dieselbe Umstellung erfolgt. Diese Konzentration auf „große Zahlen“ führt dazu, dass Anleger ihre Aufmerksamkeit auf große, liquide Anlageklassen richten (z. B. Ausstieg aus Aktien im Kohlesektor, Anlage in grüne Anleihen).

Die Neuallokation von Einzelportfolios in liquiden Märkten hat jedoch nur sehr begrenzte Auswirkungen auf die Asset-Preise. Infolgedessen haben die Klimaschutzüberlegungen der Anleger wohl kaum Einfluss auf die Kapitalkosten und Investitionsentscheidungen der Emittenten (z. B. Investition in ein Kohlekraftwerk oder in erneuerbare Energien).

Anleger können eine wesentlich entscheidendere Rolle dadurch spielen, dass sie Anlageentscheidungen zugunsten neuer Technologien und Projekte fördern. Venture-Capital-, Private-Equity- und Infrastruktur-Investoren arbeiten zwar mit kleineren, „weniger medienwirksamen“ Beträgen, sind aber deutlich strategischer von ihrer Wirkung her.

Auch die Ausübung der Aktionärsrechte ist äußerst wichtig. Derzeit sind die Investitionspläne und F&E-Aufwendungen der meisten Unternehmen im Energiesektor nicht auf die gesetzten klimapolitischen Ziele ausgerichtet. Vielfach lässt sich eine derartige Ausrichtung aus Unternehmenssicht kaum rechtfertigen und die Unternehmen sind in Sektoren tätig, die hinsichtlich der Unterschätzung umwälzender Trends im Bereich der Energiewende eine schlechte Erfolgsbilanz aufweisen (erneuerbare Energien bei deutschen Versorgern, Schiefergas im US-amerikanischen Kohlebergbau, Elektromobilität bei Fahrzeugherstellern usw.).

Somit haben Anleger die Möglichkeit, 2°C-Anlagen zum Standard zu machen. In diesem Zusammenhang gibt es eine interessante Statistik: Etwa 60 % der Privatanleger geben an, mit ihren Ersparnissen aktiv zur Lösung von Umweltproblemen beitragen zu wollen. Bei den sogenannten „Millenials“ liegt der Anteil sogar bei 70 %.

Heutzutage konzentriert sich das klimarelevante Engagement der Anteilseigner hauptsächlich auf die Offenlegung von Informationen. Wir arbeiten aktuell mit großen Asset Ownern zusammen und unterstützen sie dabei, sich stattdessen auf Änderungen der Investitionspläne bei ihren Beteiligungsunternehmen zu konzentrieren.

Wenn Sie das ESG-Konzept neu erfinden sollten – wie würden Sie vorgehen?

In der Tat befassen wir uns im Zusammenhang mit der von der Europäischen Kommission eingesetzten Hochrangigen Sachverständigengruppe für eine nachhaltige Finanzwirtschaft aktuell mit dieser Herausforderung. Aus der Sicht politischer Entscheidungsträger sorgt die Vorstellung einer Integration von ESG-Kriterien für Verwirrung, da die Einbeziehung solcher Kriterien in Anlageentscheidungen noch kein Ziel ist.

Beispiel Energiewende. Im Zusammenhang mit Anlagestrategien gibt es hier zwei verschiedene Ziele

  • Beitrag zur Umsetzung des Pariser Klimaabkommens
  • Steuerung der finanziellen Risiken im Zusammenhang mit der Energiewende
     

Diese beiden Ziele erfordern jeweils unterschiedliche Messgrößen, unterschiedliche Werkzeuge und unterschiedliche politische Maßnahmen, werden aber meist vermischt. Die Empfehlungen der Taskforce zu klimarelevanten finanziellen Angaben (TCFD) sind hierfür ein Musterbeispiel.

Dasselbe gilt für ESG-Ansätze generell. Die sozialen und ökologischen Kriterien werden in erster Linie deshalb ausgewählt, weil sie sich auf externe Effekte beziehen, bei denen man mehr oder weniger davon ausgeht, dass Anleger sie aus ethischen Gründen verinnerlichen. Wenn die Anleger ESG-Kriterien einbeziehen, ist das von ihnen tatsächlich verfolgte Ziel jedoch in vielen Fällen unklar.

Folglich sind die meisten ESG-Anlagestrategien nicht dazu gedacht, Änderungen in der Realwirtschaft zu bewirken, auch wenn die sozialen oder ökologischen Auswirkungen genau das sind, was den Begünstigten wichtig ist. Als Reaktion auf diese Diskrepanz stellen viele ESG-Manager ihren Ansatz als Möglichkeit dar, finanzielle Risiken im Zusammenhang mit sozialen und ökologischen Faktoren zu reduzieren, die vom Markt aufgrund ihrer langfristigen Natur eventuell falsch bewertet werden.

Demnach gibt es keinen Grund, andere langfristige disruptive Trends zu ignorieren (wie z. B. die Automatisierung und künstliche Intelligenz), die nicht mit sozialen oder ökologischen Faktoren zusammenhängen, aber für einen solchen langfristigen risikoorientierten Ansatz relevant wären. Hier mangelt es also an Folgerichtigkeit. Letztendlich bin ich der Ansicht, dass SRI-Anleger ihre Ziele klarstellen müssen, was vermutlich zu andersgearteten Ansätzen führen wird, die anders bezeichnet werden.

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