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Europäische Vorschriften für Pensionskassen: das Arbeitsprogramm 2015 der EIOPA zur Solvenz
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Europäische Vorschriften für Pensionskassen: das Arbeitsprogramm 2015 der EIOPA zur Solvenz

20/03/2015

Author : Anita Metzger, Strategic Analyst-Public Affairs at BNP Paribas Securities Services

Die Europäische Kommission hat sich für die Einführung des „Holistic Balance Sheet" eingesetzt, einer erweiterten Solvenzbilanz, die verhindern soll, dass Pensionsfonds für längere Zeiträume eine Unterdeckung aufweisen. Anita Metzger, Public Affairs Strategic Analyst - BNP Paribas Securities Services, gibt eine kurze Einführung in dieses neue Instrument und erläutert, warum die Branche die Zweckmäßigkeit dieser Maßnahme nach wie vor in Frage stellt.

vignette-blogueur-metzger.jpgNach der Finanzkrise äußerten Regierungen und Kommentatoren in ganz Europa Besorgnis über die Auswirkungen der niedrigen Aktienbewertungen auf die betrieblichen Pensionskassen. Die Bewertungen sanken – wie bei allen anderen Fondstypen auch – drastisch. Viele führende Akteure wiesen über lange Zeiträume eine Unterdeckung auf und eine Sonderbehandlung der Pensionkassen (gegenüber anderen Sektoren, wie etwa den Versicherern) wurde schwieriger zu rechtfertigen.

Ursprünglich wurden die Vorschriften für Pensionskassen durch die EbAV-Richtlinie von 2003 festgelegt. Diese besagte, dass die Bewertungsmethoden und ‑annahmen bei der Einrichtung von versicherungstechnischen Rückstellungen, insbesondere der für die Abzinsung des Gegenwartswerts zukünftiger Zahlungen an die Mitglieder verwendete Satz, konservativ anzusetzen seien. Nicht verlangt wurde dagegen eine Harmonisierung dieses „Diskontsatzes" zwischen den EU-Mitgliedstaaten – ein Zugeständnis an die unterschiedlichen Traditionen der jeweiligen Pensionssystemen und die verschiedenen aufsichtsrechtlichen Rahmenregelungen. Zudem war laut der Richtlinie kein Kapitalpuffer erforderlich, wenn das Risiko der Pensionskasse von ihrem Träger übernommen wurde. Dies galt unabhängig von der Finanzkraft des Trägers.

Die Vorschläge der EIOPA, die der Europäischen Kommission im Jahr 2012 zum ersten Mal unterbreitet wurden, zielen jedoch darauf ab, den Wortlaut verstärkt in Einklang mit der Solvency II-Richtlinie der Versicherungsbranche zu bringen. Ein solcher Schritt würde die Binnenpensionsbranche stärken und die Entwicklung von grenzübergreifenden Pensionsfonds fördern.

Den Kern der Empfehlungen bildet der Grundsatz, dass die Verpflichtungen des Trägers und des Fonds in den Bilanzierungsverfahren gemeinsam in einer einzigen „ganzheitlichen Bilanz“ (sogenanntes „Holistic Balance Sheet“ -  kurz HBS) berücksichtigt werden. Diese Bilanz würde alle Sicherheiten, Rentenanpassungsmechanismen und Verpflichtungen in einem Dokument vereinen und präsentieren.

Eine besondere Herausforderung für die Fonds waren die Vorschläge zur Berücksichtigung der Verbindlichkeiten in der HBS. Die ursprüngliche EbAV-Richtlinie überließ die Berechnung des Abzinsungssatzes den einzelnen Mitgliedstaaten. Viele von diesen gestatten den Fonds die Abzinsung zukünftiger Verpflichtungen anhand der erwarteten Kapitalerträge zwischen dem gegenwärtigen Zeitraum und dem Beginn der Verpflichtungen. Im Rahmen der HBS wären dagegen alle Fonds verpflichtet, den risikolosen Satz als Abzinsungssatz zu nutzen. Da dieser Satz in der Regel deutlich niedriger ist als der erwartete Kapitalertrag würden die gegenwärtigen Verbindlichkeiten der Kasse erheblich ansteigen lassen.

Das neue System würde zudem einen zusätzlichen Risikopuffer erfordern – neben dem Abzinsungssatz die zweite versicherungstechnische Vorschrift: die Einbeziehung von Risiken über das in den Bestimmungen von 2003 vorgesehene „Best Estimate"-Szenario hinaus. Die finanziellen Auswirkungen sind erheblich. Eine erste Quantitative Impact Study (QIS), die die EIOPA 2012 durchführte, ergab, dass Kapitalanforderungen ähnlich Solvency II die Pensionskassen zwingen würden, erhebliche zusätzliche Kapitalbeträge als Reserven zu halten. In Großbritannien würde alleine die Einführung des risikolosen Satzes zu einem 30-prozentigen Anstieg der Rücklagen führen. Dies entspräche einem Kostenanstieg für die britischen Unternehmen um 440 Mio. EUR. 

Ein Bündnis aus fünf Regierungen (Großbritannien, Niederlande, Deutschland, Irland und Belgien) stellte sich, ebenso wie BusinessEurope, ETUC und PensionsEurope, gegen die Pläne. Im Mai 2013 reagierte der europäische Binnenmarktkommissar, Michel Barnier, indem er die Arbeit an der Aufnahme von Bestimmungen nach Art von Solvency II in das Finanzierungssystem für Pensionskassen im Rahmen der neuen EbAV-Richtlinie aussetzte.

Mit einem im vergangenen Oktober veröffentlichten Konsultationspapier wurde die Arbeit jedoch wieder aufgenommen. Man räumte die potenziellen negativen Folgen eines risikolosen Satzes für das Wachstum und die Gesamtwirtschaft ein und schlug sechs mögliche aufsichtsrechtliche Rahmenregelungen vor. Des Weiteren wurden drei Nutzungsmöglichkeiten der HBS zur Diskussion gestellt:

 

1 - Festlegung von Solvenz-Kapitalanforderungen (Solvency Capital Requirements, SCR) auf EU-Ebene. Die HBS könnte nicht nur herangezogen werden, um Vermögenswerte und Verbindlichkeiten unter „normalen" Umständen zu vergleichen, sondern auch in Belastungssituationen. Die SCR erfassen, ob EbAV über ausreichend finanzielles Kapital sowie Sicherheits‑ und Rentenanpassungsmechanismen verfügen, um demografische und finanzielle Schocks auf einem bestimmten Konfidenzniveau aufzufangen.

2 - Festlegung von Mindestdeckungsvorschriften auf der Ebene der versicherungstechnischen Bestimmungen.

3 - Als Instrument des Risikomanagements und der Transparenz. Die nationalen Aufsichtsbehörden könnten aufsichtsrechtliche Maßnahmen auf der Basis einer Säule-2-Bewertung ergreifen und über eine Veröffentlichung beschließen.

 

Die Branchenakteure lehnten die ersten beiden Vorschläge ab und standen sogar der Verwendung als Instrument des Risikomanagements kritisch gegenüber: Sie plädierten stattdessen für günstigere und einfachere Alternativen, wie etwa Untersuchungen zur Aktiv-Passiv-Steuerung und Stress-Tests. Insbesondere verweisen sie auf drei Mängel der aktuellen Vorschläge.

Erstens bezweifelt die Branche, ob die HBS ein geeignetes Instrument ist, um die Vielfalt der europäischen EbAV abzudecken und die Altersvorsorgesysteme der einzelnen Länder zu reflektieren, die sich in Bezug auf Arbeitspraxis, Sozialgesetze und historische Strukturen stark voneinander unterscheiden. Ein Modell kann nicht allen gerecht werden.

Zweitens werden die Komplexität und die Kosten kritisiert. Ist es praktisch durchführbar, dass kleinere EbAV angesichts ihrer begrenzten finanziellen Ressourcen den komplexen Berechnungsanforderungen, wie etwa stochastische Modellierung, gerecht werden?

Und schließlich: Führt die HBS wirklich zu einer besseren Vergleichbarkeit der Pensionskassen in Europa?  Besonders wenn Bewertungsmaßstäbe vereinfacht werden, um kleineren Kassen gerecht zu werden, könnte die große Bandbreite an Modellierungsansätzen den Vergleichsnutzen der HBS begrenzen.

 

Zeitplan und nächste Schritte

Eines der Ziele der EIOPA ist die Erstellung eines Korpus an technischen Empfehlungen an die Europäische Kommission zu den Solvenzvorschriften der EU für EbAV bis Ende 2015 oder Anfang 2016. Auch eine zweite QIS zur Solvenz der EbAV wurde eingeleitet. Schließlich wird 2015 EU-weit ein Stresstest eingeführt, der sich auch auf leistungs- und beitragsbezogene Fonds sowie Hybridlösungen bezieht. Dieser Test greift auf nationale und gemeinsame Bewertungsstandards zurück und berücksichtigt die Besonderheiten der EbAV. Er zielt unter anderem darauf ab, die Widerstandsfähigkeit gegenüber abträglichen Marktentwicklungen und die Verknüpfungen zwischen Volkswirtschaften und Märkten zu beurteilen. Zudem soll er innerhalb der Branche Good-Practice-Ansätze verbreiten. Somit stehen im weiteren Verlauf des Jahres viele Änderungen und Entwicklungen an, die es zu beobachten gilt, und das Schicksal der Holistic Balance Sheet wird sich klarer abzeichnen.

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