Cookie-Bestimmungen

Unsere Website verwendet Cookies. Durch die Nutzung der Website und durch Ihre Zustimmung zu den Nutzungsbedingungen stimmen Sie dem Gebrauch von Cookies zu Cookie-Bestimmungen.

Vorheriger Artikel (18/85)
Der neue Balance-Akt
Der neue Balance-Akt
Zurück

Der neue Balance-Akt

23/08/2016

Author : Paul Allen, Content Marketing Specialist and Communications Consultant at Allen Writing Services

Die Berücksichtigung von Umweltschutz-, sozialen und Corporate Governance (ESG)-Kriterien bei Entscheidungsprozessen gilt heute als Merkmal eines gutes Anlageverfahrens

Paul-Allen_vignette-blogueur_new.jpgUnsere Gesellschaft steht vor einer Reihe von tiefgreifenden umweltbezogenen und sozialen Herausforderungen … Wir haben zwar noch Zeit zum Handeln, doch ist das Zeitfenster begrenzt und wird kleiner.“— Mark Carney, Gouverneur, Bank of England, 29. September 2015

Das ist eine deutliche Botschaft, der zunehmend Gehör geschenkt wird. Die Berücksichtigung von Umweltschutz-, sozialen und Corporate Governance (ESG)-Kriterien in Entscheidungsprozessen gilt heute als Merkmal eines guten Anlageverfahrens. Mit Hilfe von ESG-Analysen untersucht man die aktuellen und bisherigen Geschäftsverfahren von Unternehmen. Diese Einschätzung wird herangezogen, um ihr potenzielles Risiko auf der Grundlage ihres Umgangs mit der Umwelt, der Befürwortung sozialer Verfahren und ihres finanziellen Erfolgs zu erfassen.

 

UN-Klimaschutzkonferenz 2015 – Neue Dringlichkeit

Die „nachhaltige Anlage“  ist in unterschiedlicher Form seit vielen Jahren im Aufschwung begriffen. Dennoch sei sie weitgehend den Nachhaltigkeitsexperten vorbehalten gewesen, bemerkt Virginie Pelletier, Head of Sustainable Finance, Corporate and Institutional Banking, BNP Paribas. Das Übereinkommen von Paris, das im Dezember 2015 aus der UN-Klimaschutzkonferenz hervorging, stellte einen Wendepunkt dar.

„Fast 200 Nationen kamen zusammen, um sich zur Begrenzung der globalen Temperaturerhöhung auf zwei Grad Celsius zu verpflichten“, erklärt Pelletier. „Die daraus resultierende Aufmerksamkeit und die aufsichtsrechtlichen und gesetzlichen Entwicklungen[1], die sich ergeben werden, wenn die Staaten an der Erfüllung ihrer Zusagen arbeiten, machen ESG-Fragen zu einem Topthema für die Geschäftsführungen, das immer weiter in Fahrt kommt.“

Die Inhaber langfristiger Anlagen stehen im Zentrum dieser Entwicklung. Im Zuge der globalen Umstellung auf eine emissionsarme Wirtschaft haben führende Versicherungsgesellschaften und Pensionsfonds in Europa und den Vereinigten Staaten öffentlich Stellung bezogen und Vereinbarungen über den Emissionsabbau in ihren Anlageportfolios unterzeichnet. Ein Grund hierfür ist der wachsende staatliche und öffentliche Druck. Aber es gibt auch am Markt starke Anreize, die den Wandel vorantreiben.

 

Risiken durch verlorene Investitionen

Institutionelle Anleger, die langfristigen treuhänderischen Verpflichtungen unterliegen, sind zunehmend besorgt über die finanziellen Risiken, die so genannte „Stranded Assets“ in der emissionsarmen Wirtschaft der Zukunft darstellen. Dabei handelt es sich insbesondere um fossile Brennstoffvorräte, vor allem Kohle.

„Heute ist die Welt von fossilen Brennstoffträgern abhängig und Kohle macht rund 40 Prozent des Energiemixes aus. Doch global haben wir ein Budget, in dessen Rahmen wir fossile Brennstoffe nur in bestimmtem Umfang nutzen können. Überschreiten wir diese Schwelle, steigt die Temperatur um mehr als zwei Grad“, erläutert Pelletier. „Um unterhalb der Schwelle zu bleiben, werden die Unternehmen bedeutende Vorräte im Boden belassen müssen, wodurch diese wertlos werden. Darin besteht das Risiko.“ 

Die Risiken, denen fossile Brennstoffunternehmen ausgesetzt sind, wurden im April deutlich, als Peabody Energy, der weltgrößte Kohlehersteller in Privatbesitz, in den Vereinigten Staaten  Konkurs anmeldete. Sinkende Nachfrage aus China, Konkurrenz durch alternative Energiequellen (wie etwa Schiefergas und erneuerbare Energien) sowie strengere Umweltvorschriften und staatlicher Druck trugen gemeinsam zur Krise der Kohlepreise in den letzten Jahren bei. Darunter leidet die Branche.

Das Risiko in Zusammenhang mit verlorenen Investitionen geht jedoch laut Pelletier über den Bergbau- und Versorgungssektor hinaus. „Der Klimawandel wird die Geschäftsmodelle vieler Branchen auf den Kopf stellen, darunter nicht zuletzt Automobile, Schiff‑ und Luftfahrt.“

 

Die Zukunft finanzieren

Neben der Steuerung der Risiken in bestehenden Portfolios spielen die Anleger eine zentrale Rolle bei der Förderung der emissionsarmen Wirtschaft. Die Technologie zur Unterstützung dieses Wandels, die Unternehmen helfen kann, ihre Nachhaltigkeitsbedürfnisse zu erfüllen, ist bereits verfügbar und wird weiter entwickelt. In den kommenden Jahrzehnten werden jedoch Billionen US-Dollar erforderlich sein, um diesen Energiewandel weiter zu finanzieren. Anlagebesitzer mit langfristigen Verbindlichkeitsprofilen und Anlagehorizonten sind gut aufgestellt, um Anlagen im Hinblick auf diesen Finanzierungsbedarf zu kanalisieren.

Auch Banken werden als entscheidende Katalysatoren angesehen und stehen unter dem Druck, ihre direkten Finanzierungs- und Zeichnungsbemühungen entsprechend zu dirigieren.

„Bei BNP Paribas beispielsweise unterliegt die Anlagepolitik ESG-Vorschriften, die sich auf zwölf sensible Bereiche erstrecken, darunter Kohle, Zellulose und Ölsand“, merkt Pelletier an. „Auf der UN-Klimaschutzkonferenz gaben wir bekannt, dass wir die Finanzierung für erneuerbare Energien verdoppeln würden. Viele Banken auf der ganzen Welt geben ähnliche Zusagen ab.“

 

Akklimatisierung an das neue Umfeld

ESG-Themen werden ganz klar eine zentralere Rolle für die Staaten, den öffentlichen Sektor, die Wirtschaft und die Finanzbranche spielen. Die Aufgabe, mit der sich alle Anleger konfrontiert sehen, besteht darin, den optimalen Umgang mit diesem im Wandel befindlichen Umfeld zu finden und eine positive Entwicklung zu erreichen.

 

Offenlegungen und Standards

Im Dezember 2015 richtete der Financial Stability Board eine Task Force zu klimabezogenen Finanzveröffentlichungen ein. Das Ziel der Gruppe ist die Entwicklung einheitlicherer und sinnvollerer Verfahren, die Unternehmen anwenden können, um die klimabezogene Risikoinformation für Anleger, Gläubiger, Versicherer und andere Interessengruppen zu verbessern. Eine effektivere Berichterstattung erfolgt zwar auf freiwilliger Basis, sollte jedoch zu besser informierten Zeichnungsentscheidungen im Anlage-, Kredit- und Versicherungsgeschäft führen. Ein endgültiger Bericht, der Ende 2016 ansteht, wird konkrete Empfehlungen und Richtlinien enthalten.

Madhu Gayer, Head of Asia Pacific, Investment Reporting and Performance, BNP Paribas Securities Services, weist darauf hin, dass gleichzeitig andere Standards und Best-Practice-Verfahren entstehen, um Praktikern bei der Aufnahme von ESG-Überlegungen in den Anlageprozess zu helfen. „Da die professionellen Anleger um die Verbesserung ihrer Risikomanagementverfahren bemüht sind, hat das CFA-Institut im Oktober 2015 den Leitfaden, Environmental, Social, and Governance Issues in Investing: A Guide for Investment Professionals' herausgegeben. Damit möchte es Anleger unterstützen, die ESG-Aspekte in ihre Anlageanalyse integrieren wollen.“

Auch die UN-Initiative Environment Programme and Principles for Responsible Investment (PRI) hat dieses Jahr in Asien eine Reihe von Konsultationen zur Treuhandpflicht institutioneller Anleger durchgeführt: „Fiduciary Duty in the 21st Century: Focus on Asia“. Diese runden Tische wurden von BNP Paribas ausgerichtet und ermöglichten das Gespräch darüber, wie Praktiker, Aufsichtsbehörden und zentrale Marktinteressengruppen ESG-Kriterien in ihre Entscheidungsprozesse einfließen lassen können, um Nachhaltigkeit zu fördern. Ein Bericht über die abschließenden Empfehlungen wird später in diesem Jahr veröffentlicht.

 

Portfolioumschichtung

Auch die Frage, wie ESG-Aspekte am besten in die Praxis integriert werden können, stellt sich.

Der herkömmliche Ansatz bestand darin, Unternehmen oder Sektoren durch Ausschlussprüfungen aus dem Portfolio zu entfernen. „Dabei läuft man aber Gefahr, den Anlegern nur noch ein drastisch eingeschränktes Spektrum an Anlagegelegenheiten zu bieten“, berichtet Gayer.

Eine ausgefeiltere Alternative ist die Best-in-Class-Prüfung, die ESG-Kriterien heranzieht, um innerhalb eines Sektors die Unternehmen auszuwählen, die über die beste Strategie für den Umgang mit diesen Herausforderungen verfügen.

Eine weitere Option ist die ESG-Integration. Statt bestimmte Unternehmen oder Sektoren einfach auszuschließen werden die ESG-Faktoren in den grundlegenden Anlageentscheidungsprozess des Anlageninhabers integriert. „Sie werden zum Dreh- und Angelpunkt der Finanzanalyse und Anlagepolitik der Firma – von der Auswahl des Anlagespektrums und der Benchmarks bis hin zur Zusammenarbeit mit Anlageverwaltern, die für die Verwaltung und Wertsteigerung im Rahmen derartiger Mandate ausreichend qualifiziert sind.“

Laut Gayer gibt es bei der ESG-Integration drei grundlegende Schritte: „An erster Stelle steht die Festlegung expliziter Best-Practice-Anlageziele für ESG. Dann müssen die Firmen die richtige Benchmark und das passende Portfolio strukturieren. Anschließend sollten sie die Ergebnisse beobachten, um eine positive Feedbackschleife zu schaffen.“ BNP Paribas unterstützt dieses Bestreben der Anleger durch den jüngst veröffentlichten „ESG Made Simple Guide“, einen Leitfaden, der die Anleger bei der Integration von ESG-Kriterien unterstützt.

 

Daten und Berichterstattung

Die Aufnahme einer umfassenden Reihe von ESG-Faktoren, die die Anleger verwenden können, um die Risiken und Chancen der Portfoliounternehmen besser aufzuzeigen und zu verstehen, kann den Firmen helfen, informiertere, transparentere Urteile zu fällen. Dies ist jedoch abhängig vom Zugang zu feiner aufgeschlüsselten Daten und einem intuitiven Informationsportal für die Umsetzung dieser Daten in entscheidungsfertige Informationen. BNP Paribas ist einer der ersten globalen Treuhänder, der ein ESG-Risikomanagement-Tool entwickelt hat: ESG Risk Analytics. Mit dessen Hilfe erhalten die Anleger Einblick in ihre ESG-Risiken und können sich über Kontroversen, die Involvierung und den CO²-Fußabdruck der Unternehmen informieren – alles online über das innovative DNA-Portal.

Am 26. Mai 2016 verabschiedeten PRI und UNEP – die sechs große Rating-Agenturen repräsentieren – das so genannte „Principles for Responsible Investment (PRI) Statement on ESG in Credit Ratings“. Die Gruppe verpflichtete sich, ESG-Kriterien systematischer in ihre Analyse der Kreditwürdigkeit von Schuldnern einzubeziehen.

Vorgelagerte Serviceanbieter, wie etwa Treuhänder und Marktdatenvertreiber, können durch die Bereitstellung von Tools und Kennzahlen ebenfalls wertvolle Unterstützung leisten. Stresstest- und Berichts-Tools werden besonders maßgeblich sein, um den Firmen die Überwachung von ESG-Risiken zu ermöglichen und sie in die Lage zu versetzen, die Auswirkungen ihrer Investments zu erkennen, sich diesbezüglich auf dem Laufenden zu halten und über die Konsequenzen zu berichten. BNP Paribas hat sich beispielsweise mit Avalerion Capital zusammengeschlossen, um einen neuen Ansatz für Klimawandel-Stresstests zu entwickeln. Lösungen, die diesen Bedürfnissen entgegenkommen, entstehen bereits. Weitere werden folgen.

 

Fazit

Soziale und Governance-Aspekte spielen schon seit langem eine unbestrittene Rolle im Anlageprozess. Heute jedoch, da sich die wissenschaftliche Kenntnis über den Klimawandel verfestigt hat, treten Umweltüberlegungen in den Vordergrund. Die damit verbundenen Risiken sind komplex und bedeutsam. Durch die Formulierung eines soliden ESG-Rahmens und dessen Aufnahme in die gesamte Anlagepolitik sind Anleger gut positioniert, um von den bedeutenden Gelegenheiten zu profitieren, die mit dem Übergang in eine emissionsarme Welt einhergehen.

 

[1] So verlangt beispielsweise Artikel 173 des französischen Gesetzes über eine „Energiewende für umweltfreundliches Wachstum“, dass institutionelle Anleger in ihrem Jahresbericht Informationen darüber offenlegen, wie ESG-Kriterien und Klimawandel in der Anlagepolitik und im Risikomanagement berücksichtigt werden.

Folgen Sie uns